taktil

29.11.07

Hype um Wissensgesellschaft

In einer Diskussionsrunde haben wir kürzlich darüber unterhalten, wie weit der Begriff der Wissensgesellschaft eher klärend oder verschleiernd wirkt. Anlass ist die These zweier Schweizer Soziologen, dass der Begriff "einer kritischen Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Wege" stehe (1).

Ansätze zu technokratischer und wissensbezogener Verklärung sind durchaus festzustellen. Insbesondere in der Soziologie reihen sich seit fünfzig Jahren Ansätze aneinander, die hinter der Leuchtkraft von Information und Wissen andere Aspekte des sozialen Lebens verblassen lassen.

Nun sind aber kaum ExponentInnen auszumachen, die in einer dogmatischen Weise die Gesellschaft wesenhaft und ausschliesslich als Informations- oder Wissensgesellschaft deuten. Ein Hang zur Übertreibung ist aber schon zu verzeichnen. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in konkreten Zusammenhängen eine Hochglanz-Ideologie von Wissensgesellschaft dazu dient, sozial und kulturell fragwürdige Modernisierungsoffensiven zu legitimieren.

Die Betonung von Wissen kommt aber nicht von ungefähr. In einer abgemilderten Form stimme ich Daniel Bells vierzig Jahre alter These zu: Der Umgang mit Wissen ist zum dynamischen Zentrum moderner Gesellschaften geworden. Das legt einen pragmatischen Umgang mit dem Begriff der Wissensgesellschaft nahe - kombiniert mit einem faktennahen Blick auf verschiedene Felder gesellschaftlicher Entwicklung. Die bilden ein widersprüchliches Gewirr. Das lässt sich wohl vor dem Hintergrund der Wissensgesellschaft reflektieren. Aber nicht einfach mit diesem Einzelbegriff erfassen.


(1) „Einleitung zur Diskussion über die Wissensgesellschaft.“ in: Gemperle, M.; Streckeisen, P. (Hrsg.): Ein neues Zeitalter des Wissens? Kritische Beiträge zur Diskussion über die Wissensgesellschaft. Zürich: Seismo, 2007.

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21.11.07

Debatte Wissensgesellschaft

Neue Medien und kultureller Wandel sind Gegenstand lebhafter Auseinandersetzungen. Der Verein Digitale Allmend engagiert sich für die Chancen der Informationsgesellschaft: Er „setzt sich dafür ein, den öffentlichen Zugang zu digitalen Gütern und deren Weiterentwicklung zu sichern. Er schafft neue Räume und fördert das öffentliche Verständnis für eine offene (Wissens-) Gesellschaft."

In der jüngsten Vergangenheit hat er bei der Revision des Urheberrechts und beim Aufbau von Creative Commons Schweiz eingesetzt.

Nun soll auch ein Diskussionszusammenhang zum Thema Wissensgesellschaft aufgebaut werden. Ein erstes Treffen der Lesegruppe findet am nächsten Dienstag in Zürich statt - Einzelheiten im Blog der Digitalen Allmend.

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14.11.07

Netzwerkgesellschaft und Staat

Das Wetter ist momentan perfekt, um mich im dreibändigen Werk von Manuel Castells langsam aber sicher dem Schluss von Band II zu nähern. Der Band widmet sich der Thematik von kollektiven Identitäten und Staatlichkeit. Wenig aufsehenerregend ist die weit verbreitete These der Krise des Nationalstaates im Zeitalter der Globalisierung.

Bemerkenswert ist aber, dass Castells als Fallbeispiele nicht europäische Kleinstaaten heranzieht, sondern zwei grosse und aus der Ferne ziemlich vital wirkende Staaten: Mexiko und die USA.

Für Mexiko diagnostiziert er ab dem Beginn der achtziger Jahre eine einsetzende Transformation und „das Ende seines Nationalstaates“. Den Hintergrund bilden die Globalisierung, das Freihandelsabkommen NAFTA und die Politik gegen den Drogenhandel. Die Auseinandersetzungen um den Drogenhandel hätten Mexiko destabilisiert und sind für Castells eine Illustration dafür, „wie die Globalisierung des Verbrechens mächtige, stabile Nationalstaaten überwältigt“ (1). Castells sieht aber doch Anzeichen, dass eine Koalition zwischen Zapatisten und urbaner Zivilgesellschaf die „mexikanische Nation neu vereinigt“ hat, nun gegen den Staat der traditionellen Staatspartei PRI.

Castells Analyse ist spannend und überzeugend. Kann aber der krisenhafte Wandel der mexikanischen Gesellschaft und ihres Staates als Beleg für eine fundamentale historische Zerfallskrise moderner territorialer Staatlichkeit angeführt werden?

Die Frage stellt sich auch in Bezug auf die USA. Hier dokumentiert Castells einen Aufstieg antietatistischer, staatskritischer Haltungen in der Bevölkerung. Die haben sich die Republikaner zu Nutze gemacht. Hintergrund ist eine Unzufriedenheit über den stagnierenden oder sinkenden Lebensstandard. Das nährt protektionistische und isolationistische Ansätze. Zudem hat sich ein beträchtlicher Teil der Zivilgesellschaft „gegen den amerikanischen Wohlfahrtsstaat“ mobilisiert. Dabei wird eine zunehmende Segmentierung in Kauf genommen und die repressive Rolle des Staates gegen die gefährlichen Klassen gefördert. Die „Krise des Nationalstaates“ ist aber nicht nur eine Folge der „kulturellen Hegemonie antistaatlicher Werte“. Sie ist auch eine Folge eine Krise von Rolle und Ideologien der Bundesregierung, etwa im Hinblick auf die gottgegebene Führungsrolle der USA im Rahmen einer globalen Ordnung. Am Schluss schlägt dann Castells eine eher vorsichtige Tonart an. Die genannte Entwicklung „könnte potenziell die Krise des amerikanischen Nationalstaates auslösen“ (Seite 315).


(1) Manuel Castells. Das Informationszeitalter. Band 2: Die Macht der Identität. Seite 302

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8.11.07

Identität im Internetzeitalter

Führen Internet und Globalisierung zu einer weltweiten Einebnung von Kultur und Identität? Ganz im Gegenteil, sagt Manuel Castells in seinem Werk „Das Informationszeitalter“. Die technologische und wirtschaftliche Angleichung bewirkt massive Gegenbewegungen.

Castells sieht „den Aufschwung machtvoller Ausdrucksformen kollektiver Identität“ (1). Menschen machen Ansprüche auf kulturelle Einzigartigkeit und auf Kontrolle über ihr Leben geltend.

Wie entsteht kollektive Identität? Castells sieht das als Prozess der Sinnkonstruktion. Menschen definieren sich etwa als evangelikale Christen oder fundamentalistische Islamisten, als Katalanen oder Georgier. Dabei wird einem Set von kulturellen Attributen Priorität gegenüber andern eingeräumt.

Hier wird ein Problem sichtbar. Es ist schon richtig, dass sich beispielsweise im Südosten Spaniens eine ganze Menge Leute als „Katalanen“ mit Leib und Seele bezeichnen. Aber nur als Katalanen? Die meisten Menschen im Westen beziehen ihre Identität auf verschiedene Dimensionen. Das ist durchaus eine zivilisatorische Errungenschaft. Sie muss mit einer Begriff von zusammengesetzter oder hybrider Identität gefasst werden.

Castells stellt eine scharfe Trennung zwischen lokalen Welten und globaler Welt fest. Nur eine Elite kann ihre Identität aktiv auf die komplexe globale Welt beziehen. Die Mehrheit der Menschen ist auf eine defensive Identität im lokalen Umfeld zurückgebunden. Da können bewegte Communities entstehen, die sich etwa für bessere Lebensbedingungen in ihrem Stadtteil einsetzen. Oder in der weniger dezenten Variante ein Gangszene bilden.

Das sind scharfsichtige Beobachtungen aus den 90er Jahren. Ob es sich hier um begrenzte Trends oder eine historische Ablösung bekannter Formen von Politik und Zivilgesellschaft handelt, erscheint diskussionswürdig.

(1) Manuel Castells. Das Informationszeitalter. Band 2: Die Macht der Identität. S. 4

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4.11.07

Zu viel Platz für die SVP

Die SVP macht sich inzwischen ziemlich breit auf dem politischen Spielfeld. Nach den Wahlen ist aber eine Thematik kaum diskutiert worden: Die SP und der Freisinn überlassen der SVP mutwillig sehr viel Platz. Die SVP sahnt konkurrenzlos ab, wenn es um Identität oder staatliche Eigenverantwortung geht.

In diesen Bereichen hat der Wind deutlich gedreht. Und zwar nicht in den ewig rechtsnationalen Kreisen, sondern in ganz anderen Mileus. Seit der Jahrtausendwende sehen wir eine zunehmende Suche nach kulturellen und gesellschaftlichen Identitiätsbauteilen - einen neuen Hang zu ziemlich lockerer und unbeschwerte Swissness. Staatpolitisch macht sich in den älteren modernistischen Kreisen, die in den 90er Jahren die EU als Anker gesellschaftspolitischer Hoffnungen sahen, eine gewisse Ernüchterung breit.

Diese Ernüchterung ist kein schweizerisches Phänomen und dürfte durch die neusten Entwicklungen eher noch verstärkt werden. Die anstehende Einführung des Mehrheitsprinzips in der Europäischen Union betont deren staatlichen Charakter und macht einen Beitritt für viele SchweizerInnen nicht attraktiver.

FdP und SP fahren einen ausgeprägten Kurs der Anpassung an die EU. Sie gehen davon aus, dass das Modell der souveränen Kleinstaatlichkeit überlebt ist - auch wenn sie täglich den Diskurs von „unserem Land“ pflegen. Die Marktöffnung unter dem Stichwort „Cassis de Dijon“ ist das neueste Beispiel.

So läuft das Spiel toll für die SVP. Sie profitiert wie andere von Marktöffnung und billigen Arbeitskräften. Aber sie profitiert allein von den sozialen und kulturellen Folgeproblemen.

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