Historisches zum Informationsbegriff 5
In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts begannen völlig neue Einflüsse auf den Informationsbegriff einzuwirken. Besonders wirksam wurde das aus der Nachrichtentechnik stammende mathematisch-statistische Konzept.
Ein weiterer einflussreicher Faktor wurde nach dem 2. Weltkrieg die Semiotik. Obwohl die moderne Zeichentheorie bis ins 19. Jh zurückreicht, begann sie erst jetzt an Einfluss zu gewinnen. Charles W. Morris aktualisiert in
Signs, Language and Behaviour (1946) einen alltagssprachlichen Informationsbegriff, indem er das Moment der Wirkung von Zeichen auf die Empfänger hervorstreicht.
Basierend auf Fragestellungen des Bibliothekswesens, der Dokumentenablage und der betrieblichen Informationsverarbeitung gewinnt die Informationswissenschaft an Bedeutung. Sie reflektiert das Potential zur maschinellen Datenverarbeitung, die in Form von Lochkartenverarbeitung und Röhrencomputern Gestalt annimmt. Informationen werden als formalisierte, maschinenlesbare Daten verstanden. Die Herausforderungen der Datenverarbeitung bringen 1950 auch den neuen Begriff des „information retrieval“ bei C. Mooers hervor.
Den grössten Einfluss übt aber die Nachrichtentechnik aus. Ralph Hartley befasst sich im Artikel „Transmission of Information“ schon 1928 mit elektrischen Übertragungssystemen. Bahnbrechend ist aber die Arbeit von Shannon und Weaver. Die grenzen die Fragestellung deutlich von kulturell-gesellschaftlichen Bedeutungsfragen ab. Information ist im diesem technischen Kontext ein Mass der Entscheidungsfreiheit beim Aussuchen einer Nachricht aus anderen. In der mathematisch-statistischen Darstellung Shannon und Weaver ist Information „ein Mass für die Unwahrscheinlichkeit des Eintretens eines zufälligen Ereignisses“ (1).
Ausgehend von diesem Informationsbegriff und der Theorie der Regelungstechnik kreiert Norbert Wiener 1948 den Begriff der Kybernetik. Übertragungsprozesse bei Materie, einfachen Lebewesen oder kultureller Kommunikation werden mit einem einheitlichen Konzept analysiert. Wiener fasst den Informationsbegriff im Sinne der Wirkung von Nachrichten, die Zustandsänderungen von Systemen hervorrufen.
Diese Metatheorie beanspruchte übergreifende Geltung und beeinflusste in den technokratisch geprägten 60er Jahren die Gesellschaftswissenschaften und die Biologie erheblich. Sie wirkte in die Gesellschaft hinein und schien Vorstellungen einer Planwirtschaft sowjetischen Musters ebenso wie eine gelenkte Gesellschaft nach dem Geschmack von De Gaulle zu legitimieren. Die neoromantische Jugendbewegung der sechziger Jahre läutete den vorläufigen Niedergang der technokratisch kybernetischen Visionen ein.
(1) Rafael Capurro: Information. Ein Beitrag zur etymologischen und ideengeschichtlichen Begründung des Informationsbegriffs. S 211.
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