taktil

26.7.07

Sollen Blogger werben?

Weder Geldverdienen mit Texten noch Werbung sind des Teufels. Dennoch hat sich der Autor des Gedankenbörsen-Blogs zu Recht „lange überlegt, ob ich mich da nicht eventuell korrumpiere und unglaubwürdig werde, wenn ich Werbung implementiere“. Dass er sich für Werbung entschieden hat, finde ich bedauerlich.

1. Die Motivation eines Blogs mit Werbung verschiebt sich. Die erste Motivation eines Blogs ist im weitesten Sinn kulturell: es geht um Kommunikation, Lust am Schreiben, Selbstinszenierung, Interpretation der Welt. Mit dem Platzieren von Werbung tritt ein zweiter, völlig anderer Motivationsstrang hinzu: Geld zu verdienen.

2. Werbung reduziert Glaubwürdigkeit. Die Mitanwesenheit von wirtschaftlichen Motiven reduziert die Glaubwürdigkeit eines Blogs. Für LeserInnen ist nicht auszumachen, wie weit nun das Schielen nach Quote und Mehreinnahmen die Themenwahl und Gestaltung des Blogs beeinflussen.

3. Türöffnung für Marktkräfte. Es ist ja schön und recht, dass die kapitalistische Marktwirtschaft die Welt mit preiswerten Spaghetti, Prozessoren oder T-Shirts versorgt. Es ist aber genau so schön, dass soziale und kulturelle Räume von Kommerz und Werbung verschont bleiben. Wie nie zuvor versucht ja die Werbung in die Ritzen des Kulturellen, des Privaten und der Zivilgesellschaft einzudringen. Werbung im Blog unterläuft den Versuch, den Marktkräfte Grenzen zu setzen.

Die Informationstechnologie öffnet Räume für spielerische, kulturelle und soziale Aktivitäten. Ich plädiere dafür, die Räume zu nutzen, ohne immer gleich ans Geldverdienen zu denken.

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25.7.07

Alternativen zum postmodernen Stammesdenken

Mit spitzer Feder nimmt Terry Eagleton die Selbstbezogenheit und Selbstverliebtheit des subkulturellen Stammesdenkens ins Visier. Zu Recht. Ohne einen minimalen Vorrat von Werten und Prozeduren driften moderne Gesellschaften in Richtung Clangerangel oder Bürgerkrieg.

Welche Konzepte bringt nun aber Eagleton vor, um eine universelle Dimension von Kultur zu verankern? Sein „Tweedjacket-Marxismus“ (NZZ) führt ihn dazu, sich ausführlich auf Raymond Williams zu beziehen. Der sieht in klassisch marxistischer Manier die Arbeiterklasse als Trägerin einer aufsteigenden künftigen Kultur mit universellem Anspruch. Eagleton markiert Distanz, ohne aber diese Idee klar zu kritisieren oder zu verwerfen.

Zwei eher philosophische Begründungsansätze sind wohl ziemlich interessant, erweisen sich aber nur bedingt als gesellschaftspolitisch tragfähig. Einmal grenzt Eagleton Partikularität von Individualität diametral ab und sieht dann einen Geist der Menschheit, der sich in spezifischen Werken individuiert. Hier feiert Hegels Weltgeist eine kurze Auferstehung. In einem andern Ansatz folgt er Slavoy Zizek bei der Erkundung des nicht abgeschlossenen Menschen: Universales taucht auf, wenn Mängel sich überschneiden. - Nun ja, das sind nicht unbedingt handfeste Argumentationslinien...

Überzeugend finde ich Eagleton, wo er mit Francis Mulhern beim Verständnis von Gemeinschaften „als Praktiken kollektiver Identifikation“ ansetzt. Ihre „variable Anordnung“ definiert weitgehend die Kultur realer sozialer Gebilde. „Damit können Gemeinschaften ebenso universal wie lokal sein.“ (1). Damit wird Identität von statischer Wesenheit zu etwas, das in Auseinandersetzung, Besinnung und Inszenierung konstruiert werden kann und muss.

Diese Variablität verweist auf die spannende und zivilisierte Auseinandersetzung zwischen universellen und spezifischen Identitätselementen, welche den Alltag von passabel funktionierenden Gesellschaften prägen. Absoluter Universalismus hingegen führt zu imperialen Aspiration nach aussen und totalisierender Politik nach innen. Absoluter Partikularismus zum Zerfall von gesellschaftlicher Solidarität und zu gewalttätigen Subgesellschaften.

(1) Terry Eagleton. Was ist Kultur? Seite 113

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22.7.07

Basel muss Meister werden

Es gehört zu den vornehmen Aufgaben Zürichs, auf die ein oder andere Weise die föderalistische Schweiz bei Laune zu halten. Die paar hundert Millionen an schnödem Mammon, die ins schweizerische Subventionssystem geleitet werden, sind dabei gar nicht so wichtig. Schliesslich leben wir in der reifen Postmoderne. Da geht es um Identität und narzisstische Streicheleinheiten.

Hier nun spielen GC, FCZ und ZSC nicht nur Fussball und Hockey. Sondern eine ganz zentrale Rolle für den Zusammenhalt der Schweiz. Wohlerzogen greifen sie nur hie und da nach einem Meistertitel. Gerade häufig genug, um dem Spektakel etwas Kick zu geben. Im Normalfall halten sie tapfer den Kopf hin für das helvetische Ritual des symbolischen Züri-Bashing.

Nachdem es letztes Jahr schon geplant war - und wegen einer unvorhergesehenen administrativen Lappalie wegen schief ging: Dieses Mal muss/wird Basel Meister werden. Dem föderalistischen Ausgleich zuliebe.

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20.7.07

Flache Welt

Ein Globalisierungsratgeber für den amerikanischen Mittelstand.

Ein mulmiges Gefühl beschlich mich, nachdem die Tür des Buchladens ins Schloss gefallen war. War das wirklich sinnvoll, ein 711 Seiten dickes Buch zu kaufen, das die Globalisierung vor allem mit Anekdoten und journalistischem Material zu bewältigen sucht?

Die schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Thomas Friedmans „Die Welt ist flach“ hat nicht viel zu einer tiefen Analyse der Globalisierung beigetragen. Aber er liefert interessantes Material auch für Leute, die gelegentlich den Wirtschaftsteil einer seriösen Zeitung durchlesen. Es ist schon interessant zu sehen, mit welcher Konsequenz und Brutalität zum Beispiel Walmart seine Wertschöpfungs- und Logistikketten aufbaut, um die Preise in den Keller zu drücken. Friedmann geht hier und auch an andern Stellen durchaus auf die Grenzen und Opfer solcher Bemühungen ein.

Wenig überraschend sieht er aber die Globalisierung als faktischen Prozess, der viele Chancen für alle enthält. Er wirft auch die Frage auf, warum gewisse Gesellschaften etwa im arabischen Raum so wenig aus ihren Chancen machen, während beispielsweise China sich erfolgreich in die globale Wirtschaft integriert. Er rückt kulturelle Faktoren ins Licht und beklagt tribalistische und frauenfeindliche Haltungen, die genauso wie religiöser Fundamentalismus eine Modernisierung der Gesellschaft behindern.

Nach dem Motto „Glokalisierung“ fordert er, dass Gesellschaften nach aussen offen – nach innen verantwortungsvoll und solidarisch sein sollen. Er redet seinen USamerikanischen Mittelständlern ins Gewissen, sich nicht auf Lorbeeren auszuruhen, auf Protektionismus zu verzichten und die Kids mit Flexibilität und Technikverständnis auszustatten.

Thomas L. Friedmann. Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts. Suhrkamp, FaM 2005.

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14.7.07

Entsolidarisierung durch Subkultur

Der Postmodernismus hat in den achtziger und neunziger Jahren die Entwicklung von Subkulturen als neuen Pluralismus und Einstieg in die multikulturelle Gesellschaft gefeiert. Das war insofern eine produktive Leistung, als die engstirnige und intolerante westliche Nachkriegsgesellschaft aufgelockert und in Bewegung gesetzt wurde. Wenn sich Subkulturen aber zu abgeschlossenen Milieus verfestigen, beginnen die Probleme.

Der Kulturtheoretiker Terry Eagleton kritisiert die Selbstbezogenheit und den aufdringlichen Parikularismus von Identitätskulturen. Sie verwerfen die Tyrannei eines universalen Konsenses, reproduzieren „aber letztlich doch eine mikrokosmische Variante davon in Form einer eigenen geschlossenen, autonomen und streng kodierten Welt“ (1).

Eagleton deutet auch die gesellschaftspolitischen Folgen an. Wenn Gruppensolidarität nur als Zwang zum Konsens erscheint, wird eine differenzierte Beurteilung von Bewegungen unmöglich. Eine hinterwäldlerische Sekte macht keinen Unterschied gegenüber einer Umweltbewegung.
Der Kulturtheoretiker geht nicht weiter auf die politischen Implikationen ein. Alles deutet jedoch darauf hin, dass identitätsgieriger Partikularismus in Europa und den USA Mainstream geworden ist. Wenn aber der Horizont von Verantwortlichkeit und Handlungsspielraum nur bis an den Tellerrand der eigenen Subkultur reichen, gerät die Gesellschaft aus den Fugen.

Dass Fromme wie Schwule, Bauern und Hausbesitzerinnen, Migranten oder Manager ein spezifisches Selbstverständnis entwickeln und Interessen vertreten, ist kein Problem. Wird das Spezielle zur identitären Subkultur verabsolutiert, erscheint die Umgebung als Feindesland und Ressource für parasitäre Streifzüge. Den Preis für gesellschaftliche Fragmentierung zahlen die sozial Schwachen. Sie sind am dringlichsten auf sichere öffentliche Räume, funktionierende staatliche Infrastrukturen und gesellschaftliche Solidarität angewiesen.

1) Terry Eagleton. Was ist Kultur?

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7.7.07

Was ist Kultur?

Kultur erfährt in den letzten zwei Jahrzehnten eine inflationäre Aufblähung. Der Begriff wird in immer weiteren Zusammenhängen verwendet, etwa Esskultur oder Betriebskultur. Gleichzeitig verschiebt sich das Gravitationszentrum weg von Universalismus und Hochkultur. Kultur wird zum szenigen Lifestile. Vom Werkplatz der Zivilisierung zum Häppchen-Event.
Bevor der englische Literaturwissenschafter Terry Eagleton zu einer Kritik des Postmodernismus ausholt, blickt er in seinem Buch Was ist Kultur? auf drei Ausprägungen des Kulturbegriffs im 19. und 20. Jahrhundert zurück.

Kultur als romantische Kritik der Moderne. Anfänglich überlappen sich die Begriffe von Kultur und Zivilisation weitgehend. Mit der aufkommenden Industrialisierung und Individualisierung löst der romantische Idealismus den Kulturbegriff von dem der technisch verstandenen Zivilisation ab. Kultur wird als Kritik wirksam im Rahmen einer Gegenüberstellung von Kultur (organisch, sinnlich) versus Zivilisation (fragmentiert, entfremdet). Auf diesen Antagonismus haben die Jugendbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und erneut in den späten sechziger Jahren zurückgegriffen. Die Hippies können durchaus als neoromantische Bewegung verstanden werden.

Kultur als Lebensweise. Mit Herder und dem deutschen Idealismus nimmt der Begriff die moderne Bedeutung einer „eigenen Lebensform“ an. Kultur ist nach Herder eine Vielfalt von spezifischen Lebensformen. Da klingen bereits Elemente der Postmoderne an. Verbunden mit diesem Kulturbegriff ist eine romantisch-antikolonialistische Faszination für exotische Lebensformen. Kultur ist eben etwas Stammesmässiges, nicht Kosmopolitisches. - Wenn Eagleton von einer „völkischen Wendung des Begriffs“ spricht, ist das etwas irreführend. Im frühen 19. Jh kam der Begriff der Kultur eines Volks noch weitgehend unpolitisch und vor allem ohne rassistische Aufladung daher. Die biologistische Aufladung des Volksbegriffs erfolgt später im 19. Jahrhundert.

Spezialisierung der Künste. Diese Begriffsvariante identifiziert Kultur mit schöpferischen Kulturschaffenden. Die romantische Überhöhung der Kunst im Dienste der Humanität wirkt in Eagletons Augen selbstzerstörerisch: die so konzipierte Rolle des Künstlers kontrastiert seiner marginalen politischen Bedeutung. Das Bild des guten Lebens wird „zum Bild von dessen faktischer Unerreichbarkeit“.

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