Hannah Arendts scharfsinnige Distanz zur Moderne
Vor hundert Jahren wurde Hannah Arendt geboren. Die politische Denkerin geriet in verschiedene Strudel, aus denen sie sich retten konnte, von denen sie aber nie völlig los gekommen ist. Die Stichworte lauten Heidegger, Nationalsozialismus, Zionismus.
Die frischgebackene Studentin sah in Heidegger ein Epizentrum philosophischer Innovation. In der Tat ging Heidegger neue Wege, indem er das Denken über das Sein ins Zentrum stellte. Dass er das in einer modernekritischen Art tat, stellte für Arendt kein Problem dar. Im Gegenteil. Sie wurde Studentin, Geliebte und Diskussionspartnerin des Philosophen. Sie blieb Heidegger wie dessen Philosophie auch verbunden, nachdem sie auf Distanz gegangen war. Der Anlass: Heidegger liess sich 1933 mit dem Nationalsozialismus ein.
Der gegen Ende 20er Jahre aufkommende Antisemitismus brachte Hannah Arendt dazu, ihre jüdische Identität bewusst auszubilden und sich für Politik zu interessieren. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste sie nach Frankreich fliehen, wurde vorübergehend interniert und konnte sich in die USA absetzen. Sie fühlte sich der zionistischen Bewegung verbunden, nachdem sie bilanzieren musste, dass in Mitteleuropa die Assimilation in die Katastrophe geführt hatte. Ihr unbändiger Wille zu eigenständigem Denken zeigte sich auch gegenüber den zionistischen Mainstreampositionen. Arendt lehnte die Gründung eines Judenstaates ab und setzte sich für einen gemeinsamen Staat von Juden und Palästinensern ein.
Arendt war eine scharfsinnige Beobachterin des Nationalsozialismus und trat nach dem Krieg mit dem bekannten Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft in Erscheinung. Die klare Ablehnung des Nationalsozialismus war unübersehbar eine Folge ihrer jüdischen Identität und nicht ihrer philosophischen Positionen Ende zwanziger Jahre. Ihre neoromantisch rückwärts gewandte Haltung war von Distanz zur Moderne und zur parlamentarischen Staatsform geprägt. Diese Geisteshaltung liess die meisten nichtjüdischen ZeitgenossInnen eine tolerante bis zustimmende Position zum Nationalsozialismus einnehmen.
Die Philosophin rückte in den 40er Jahren immer weiter von vereinfachenden Haltungen ab. Sie begann nach einer Existenzialphilosophie zu suchen, die nicht einfach abstrakte Aussagen über "den Menschen" macht. Sie betonte die Pluralität und Individualität von Menschen. Sie suchte ihre Referenzen in der antiken Polis, nicht im urban Lifestile von Berlin oder New York. Ganz in der Moderne angekommen ist sie nie.
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