taktil

25.11.06

Foucaults starre Episteme

Nachdenken über Sprache hat eine lange Tradition, die etwa Andreas Gardt für den deutschen Sprachraum nachzeichnet. Ein Herumwandern in diesen Sprachkonzepten lässt Foucaults Diskurskonzeption nicht unbedingt plausibel erscheinen.

Anlass zu dieser Hypothese ist Foucaults Werk „Die Ordnung der Dinge“. Darin unternimmt er für das klassische Zeitalter eine Rekonstruktion von Sprachkonzepten. Die soll seine methodische Grundannahme stützen, dass das Wissenssystem eines Zeitalters eine abgeschlossene Einheit bildet, die nicht prozesshaft aus vorhergehenden Konstellationen hervorgegangen sei. Mit dieser Annahme greift Foucault auf Nietzsche zurück.

Die Vorstellung der Abgeschlossenheit von Diskursen respektive Epistemen (Systemen von Wissen) erscheint mit einem Blick auf das von Gardt präsentierte Material in dieser dogmatischen Form wenig plausibel:
Elemente und Denkansätze tauchen über Jahrhunderte hinweg auf und unter, werden in neue Konstellationen eingebaut. Neue Konstellationen erscheinen immer in Auseinandersetzung, Übernahme und Anlehnung an eine vorhergehende Wissenskofiguration.Zudem war das Denken in einer Epoche nie sehr geschlossen. Nicht nur waren gerade in der Sprachwissenschaft die Mainstreampositionen facettenreich. Es gab immer auch abweichende Positionen.

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19.11.06

Bibel in gerechter Sprache?

Bibelübersetzer sind in den letzten paar hundert Jahren nicht durch besonderen Respekt vor Individuen im allgemeinen oder Frauen im speziellen aufgefallen. Sie haben in der katholischen wie der reformierten Variante patriarchale Konzepte transportiert. Die Erfindung von Menschenwürde und Menschrechten blieb andern überlassen.

Wenn nun die neue Übersetzung Bibel in gerechter Sprache versucht, einen massiven Kontrapunkt zu setzen, erscheint das mehr als gerechtfertigt. Die weit gehende Feminisierung der Sprache wirft allerdings schon die Frage auf, wie weit eine Übersetzung auch von Hirtinnen und Pharisäerinnen sprechen soll, wo diese Rollen nicht von Frauen besetzt waren.
Die Provokation ist produktiv. Die neue Übersetzung mag von schwärmerischer Ideologie getragen sein, wie der Zürcher Theologe Dalferth in der NZZ vom Wochenende kritisiert. Von was aber bitte sehr sind die konventionellen Übersetzungen getragen?

Die NeuübersetzerInnen haben sich in zerklüftetes Terrain vorgewagt. Können Texte aus der zivilisatorischen Peripherie der Antike mit modernen emanzipatorischen Ansprüchen verträglich gemacht werden? Alternativen sind Historisieren oder Umbauen. Werden die Texte mit ihren unpässlichen patriarchalen (und antijüdischen) Elementen zu historischen Quellen relativiert, verlieren sie massiv an religiös mystischer Aura. Beim Umbauen werden die Texte einer weichspülenden Modernisierung unterworfen, welche die archaischen Stallgerüche einfach überdeckt.

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12.11.06

Sprachnationalismus

Sprache an Vorstellungen von Identitäten und Volkscharakteren zu binden, hat auch im deutschen Sprachraum eine lange Tradition. Bereits im Frühmittelalter wird etwa in einem offiziellen Schreiben des Jahres 868 die Auffassung geäussert, die Volkssprache entspreche dem Naturell des Menschen.

Problematisch wird diese Tendenz dann, wenn an Sprache Vorstellungen von kultureller und biologischer Überlegenheit geknüpft und diese noch rassistisch zugespitzt werden. In seiner Geschichte der Sprachwissenschaft in Deutschland zeigt Andreas Gardt auf, wie Jahrhunderte lang die Sprachspezialisten die Überlegenheit der eigenen Sprache nachzuweisen versuchten.

Als besonders chic galt vorerst der Nachweis, dass das Deutsche direkt aus der babylonischen Sprachverwirrung hervorgegangen sei. Im 19. Jahrhundert wurde diese bibelzentrierte Argumentation durch den Abstammungsnachweis vom besonders edel betrachteten Indogermanischen ersetzt. Ebenfalls im 19. Jahrhundert setzt eine rassistische, biologistische Verschärfung von völkischen Überlegenheitsvorstellungen ein, die etwa im nationalsozialistischen Germanenkult kulminiert.

Gardt versucht diese Entwicklungen mit den Begriffen von Sprachpatriotismus und Sprachnationalismus zu fassen. Beiden gemeinsam ist 1. ein Lob der eigenen Sprache. 2. Übereinanderblendung einer sprachlichen und einer kulturell ethnischen Ebene 3. pointiert bis aggressiv formulierte Behauptung der Überlegenheit der eigenen Sprache (Seite 302). Den Übergang vom legitimen Sprachpatriotismus zum Sprachnationalismus sieht Gardt im Ton und den verknüpften Konsequenzen. Von Nationalismus soll die Rede sein, wo die Herabsetzung einer andern Sprache und damit Kultur ins Spiel kommt.

Der Grundidee kann ich nur zustimmen. Die rein negative Fassung des Sprachnationalismus ist aber realitätsfern. Sie führt analytisch wie politisch zu Problemen. Nationalismus im allgemeinen und Sprachnationalismus im Besonderen sind ambivalente Erscheinungen. Historisch wie aktuell ist es legitim, dass Schichten von Menschen Identitätsvorstellungen und den Anspruch auf einen eigenen Staat entwickeln. Dieser Anspruch auf staatliche Selbstbestimmung ist eben auch ein Kernelement von Nationalismus und erscheint nach wie vor berechtigt, etwa im Falle der Tibeter, Tschetschenen, Kurden oder Palästinenser.

Wer Nationalismus nur negativ fasst, negiert derartige legitimen Ansprüche und positive staatsbildende Funktionen, die Nationalismus eben auch haben kann. Besser wäre es, auch dem Sprachnationalismus seine Zwiespältigkeit zu lassen und im Fall systematischer Herabsetzung von Sprachchauvinismus zu sprechen.

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5.11.06

Was Sprache sein

Mehr oder weniger beruhigend war es, an der jüngsten Tagung der ETH-Informatik aus berufener Quelle bestätigt zu bekommen, dass auch der Wissenschaft nicht wirklich klar ist, was Information sei. Immerhin wurde im Vorbeigehen gefordert, dass ein verbesserter Informationsbegriff von Nöten sei.

Ein spezieller Fall von Informationen ist die menschliche Sprache und auch da ist alles andere als klar: Was passiert eigentlich, wenn wir denken, sprechen, verstehen? Was ist, wie funktioniert Sprache?

Diese Fragen treiben Menschen seit der Antike um. Es ist ziemlich spannend, sich mal anzusehen, was da alles zusammengedacht worden ist. Wer sich nicht gleich mit einer Weltgeschichte herumplagen will, ist mit einem Buch gut bedient, das sich mit unserem Sprachraum beschäftigt: Andreas Gardt. Geschichte der Sprachwissenschaft in Deutschland.

Das Buch ist nicht gerade eine Strandbad-Lektüre. Die gute Gliederung und der Aufbau entlang der historischen Entwicklung erlauben es aber auch nicht spezialisierten LeserInnen, sich mit spannenden Aspekten vertraut zu machen. Sogar wo sich der Autor Richtung erkenntnistheoretischer Fragestellungen bewegt, ist es unter Aufbietung von ein paar Mittelschulkenntnissen möglich, ihm einigermassen zu folgen.

Interessant dokumentiert der Autor etwa, wie Sprache in verschiedenen historischen Kontexten auf sehr unterschiedliche Art immer auch als Vehikel der kollektiven Identitätsbildung Verwendung fand. Die Bandbreite reicht von der Bewertung der Volkssprache gegenüber dem Lateinischen (stilistisch ungelenk, unelegant) bis zur Germanentümelei der Nazis.

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