Robert Schnepf (Universität Halle) beschäftigt sich in seinem Vortrag “Armut ohne Bedürftigkeit“ mit der ethischen Begründung des Umgangs mit Armut. Er macht insbesondere deutlich, dass er wenig vom Postulieren abstrakter Grundsätze hält, weil die gar nicht handlungswirksam werden.
Den Grund dafür sieht Schnepf darin, dass die Intuitionen des Individuums etwa zum Thema Armut keineswegs aus einem Guss sind. Ein realistischer Blick zeigt eine „Gemengelage“ teilweise widersprüchlicher Intuitionen. Bei der Konfrontation mit einem Bettelnden können so unterschiedliche Intuitionen auftauchen. Etwa „Armen muss geholfen werden“ - „der gehört nicht hierhin“ - „Hilfe soll nur bekommen, wer trotz Anstrengung wirklich arm ist“.
Widersprüchliche Gemengelagen treffen wir aber auch in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung wie in philosophischen Positionen. Anhänger von vertragstheoretischen Gesellschaftsbegründungen wie Hobbes oder zeitgenössisch Rawls bleiben einer Ambivalenz verhaftet. Sie betonen einerseits den freien Willen (um überhaupt vertragsfähig zu sein), fassen den Menschen dann aber doch als Nutzenkalkulierer, der vom Streben nach materiellen Gütern getrieben wird.
Abschliessend betont Schnepf die Notwendigkeit eines Selbstverständigungsprozesses, in den die verschiedenen Intuitionen eingebracht werden müssen. Es gibt im Umgang mit Armut einen Gestaltungsspielraum, der von ökonomischen Bedingungen wohl begrenzt, aber nicht einfach bestimmt wird.
Der Vortrag war teilweise sehr, wenn nicht allzu abstrakt und schwer zu verfolgen. Die ReferentInnen sollten darauf eingestimmt sein, hier vor einem interessierten breiteren Publikum zu sprechen und nicht in einem Seminar. Am andern Ende des Spektrums war letzte Woche das Referat von Christine Brinckmann angesiedelt, welches den Zuhörenden kaum einen Theoriebrocken zumutete.
„Armut ohne Bedürftigkeit: Autonomie in einer Welt von Gütern“ von PD Dr. Robert Schnepf, Philosophisches Seminar, Universität Halle. 4. Mai 2006 im Rahmen einer Veranstaltungsreihe von ETH / Uni Zürich.Labels: Gesellschaft, Sozial