taktil

28.3.06

[Film] Kurosawa in der Vulkanasche

Einen Kurosawa anzusehen ist höchstens darum eine klein wenig langweilig, weil mensch kaum je enttäuscht wird. Die jüngste Retrospektive des Filmpodiums Zürich hat reichliche Gelegenheit geboten, Filme wie Ran erneut anzusehen. Das an Shakespeares „King Lear“ angelegte Drama zeigt den Niedergang eine Adelssippe, vorerst in bühnenhaften Szenen, dann in beeindruckenden Schlachtengemälden.

Gedreht hat Kurosawa den Film in der Vulkanasche an den Hängen des Fuji. Und eben diese Dreharbeiten hat Chris Marker genutzt, um ein Portrait von „A. K.“ zu zeichnen. In markanten Bildern wird die Regierarbeit des „Sensai“ plastisch vorgeführt, das Warten und Frieren der Komparsen, die gelegentliche Ungeduld der Pferde. Etwas befremdlich wirkt, wenn wenige Tage nach der Betrachtung von „Ran“ die bekannten Figuren in altjapanischer Montur an Baucontainern und parkierten Autos vorbei durch die Vulkanasche stapfen.

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26.3.06

Kindermangel?

Immer Probleme. Besonders intensiv macht sich der deutsche Blätterwald in den letzten paar Wochen Sorgen um den Nachwuchs. Nein, nicht um Kriminalität, mangelnde Lehrstellen oder Jugendarbeitslosigkeit. Vom bundesdeutschen „Kindermangel“ sprechen "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher und konservative Konsorten. Ins Schussfeld sind die gut ausgebildeten Frauen geraten - Diagnose: partieller Gebärstreik.

Es ist erwiesen, dass der Nachwuchs aus dem akademischen Mittelstand viel die besseren Chancen beim Griff nach Ausbildungsplätzen und gut bezahlten Jobs hat. Da ist es doch genau richtig, wenn sich die Privilegierten zurückhalten und nicht eigene Kids in rauen Mengen in den Wettkampf schicken. Sie sorgen so dafür, dass Aufsteiger und Quereinsteigerinnen eine Chance bekommen...

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23.3.06

Mehr Integration, weniger Renten?

Nach Jahren der Problemverdrängung und polemischer Instrumentalisierung („Scheininvalide“) kommt nun endlich Bewegung ins IV Dossier. Die finanzielle Schieflage hätte schon vor Jahren korrigiert werden müssen. Es ist ziemlich unschön, die Probleme so lange wuchern zu lassen und sie nun teilweise zulasten von Betroffenen zu lösen, die kein Verschulden trifft.

Erfreulich ist die Wende zu mehr Integration statt Verrentung. Da ist es schön und recht, auf formalistische Quotenregelungen zu verzichten, die möglicherweise auch für die zwangsweise platzierten Behinderten nicht unbedingt attraktiv sind. Nun sind aber Taten des Managements in Privatfirmen wie öffentlichen Betrieben gefragt. Es nützt wirklich nichts, Behinderte für das Erwerbsleben zu trainieren, wenn es nachher an Arbeitsmöglichkeiten fehlt.

Es wäre positiv, wenn die Problematik über die Tagesaktualität hinaus intensiver erforscht und in der Öffentlichkeit diskutiert würde. Die steigenden Invaliditätsraten rufen nach faktengestützten Erklärungen. Der Verweis auf das härter gewordene Klima in der Arbeitswelt ist zu pauschal. Die heutigen Verhältnisse als Schreckensbild zu malen bedeutet, die Zustände des früheren zwanzigsten Jahrhunderts zur Idylle zu verklären.

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19.3.06

Frankreichs Wut

Die Wut der französischen StudentInnen ist verständlich. Es erscheint ziemlich rücksichtslos, wenn eine Gesellschaft einen Viertel der Jugendlichen ohne Arbeit und Perspektiven lässt. Eine andere Frage ist, ob die Verteidigung des Status Quo zur Lösung des Problems beiträgt.

Es ist ja gerade das Modell der ständisch regulierten Gesellschaft, welches Frankreich in die Sackgasse führt. Viele der studierten Mittelständler bekommen nach wie vor einen sicheren, beim Staat praktisch unkündbaren Arbeitsplatz. Der Anpassungsdruck geht vor allem auf jene nieder, die aussen vor bleiben. Mehr Chancen für die jungen Erwachsenen ergeben sich nur, wenn mehr Dynamik in den Laden kommt und die soziale Durchlässigkeit sich erhöht.

So gesehen ist etwa das flexible London für die Jugend ein deutlich weniger brutales Pflaster als das hoch regulierte Paris. Ohne staatliche Regulierungen kann es keinen sozialen Ausgleich geben. Staatliche Regulierungen können aber ebenso dazu dienen, Besitzstände und Privilegien abzuschirmen.

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11.3.06

Held am Handy

Eigentlich würden wir ja gerne Heroen wie den Extremsportler Thomas Ulrich bewundern. Der ist vor wenigen Tagen zu einer 1800 Kilometer langen Arktis Expedition aufgebrochen. Aufgrund der schlechten Eisverhältnisse scheitert das Vorhaben.

Die Hardcore Helden früherer Jahrhunderte nahmen volles Risiko und verschwanden auch schon mal spurlos im Eis. Im Zeitalter von Risiko light greifen die Helden in den Alpen zum Handy, in der Arktis zum Satellitentelefon. Gemässe der heutigen NZZ stehen russische Helikopter bereit, um den einsamen Fussgänger von einer Eisscholle im nördlichen Eismeer zu fischen.

Ulrichs Site

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8.3.06

Verlierer mit Job

„Kollegen zweiter Klasse“ porträtiert die „Zeit“ vom 2. März. Das sind Leute, einen Job mit gleicher Arbeit zu weniger Lohn und schlechteren Bedingungen machen, als die Angestellten der Stammbelegschaft. Obwohl in Deutschland die Zahl der Arbeitsverhältnisse in den letzten fünfzehn Jahren gestiegen ist, ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung um 13 Prozent gesunken.

Die rot-grüne Regierung hat den Trend zu weniger Vollzeitjobs, zu mehr Leiharbeit und Kleinselbständige toleriert und gefördert. Die sozialen Netze machen die Veränderung aber nicht mit. Staatliche Zuschüsse zur privaten Alterrente erhalten in Deutschland nur die bereits obligatorisch Versicherten. Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen gehen leer aus. So gestaltete staatliche Geldflüsse sind, wie die kürzlich gekappte Eigenheimzulage, schlicht als Mittelstandssubvention abzubuchen. Mit Sozialpolitik hat das nichts zu tun.

Wie in Frankreich sperren sich in Deutschland die mittelständischen Schichten intensiv und wirkungsvoll gegen Flexibilisierung. Der Anpassungsdruck wird weitgehend auf Arbeitslose und prekär Arbeitende überwälzt.

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3.3.06

[Film] Virtual Reality im Schmuddel-Tunnel

Als der fingerfertige Puppenspieler Craig endlich einen Job als Aktensortierer findet, kann er nicht lange ungestört seiner Tätigkeit nachgehen. Da irritiert nicht nur eine attraktive Arbeitskollegin. Im biederen Büro-Environment stösst Craig auf einen schmuddeligen Tunnel, der direkt ins Hirn eines Schauspielstars führt.

„Being John Malkovitch“ von Spike Jonze besticht durch die Unbekümmertheit und Ironie, mit welcher Themen wie Begierde, Identität und Endlichkeit ins Bild gesetzt werden. Virtual Reality wird hier ohne HiTech-Brimborium und Hirnforschungs-Geklapper vorgeführt: das Medium ist der Schmuddel-Tunnel. Ganz nebenbei bekommen wir ein paar faszinierende Puppenaufnahmen mit. „So hab’ ich das noch nie gesehen“.

„Being John Malkovitch“ gewinnt unter den Filmen der 90er Jahre, die das Kino Xenix im Februar gezeigt hat, ein eigenes Profil. Zwar wird auch hier ein unverklärter Blick gepflegt. Die Desillusion kommt aber nicht pompös und berechenbar daher.

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2.3.06

Banken im Geldregen

Nach den Gross- und Kantonalbanken nun auch die Raiffeisen-Gruppe: Die Banken weisen rekordhohe Gewinne aus. Es ist schön und recht, dass Banken in guten Jahren kräftig Geld verdienen und Reserven bilden können. Via Steuern und Investments der Pensionskassen fliesst ja zudem ein Teil an die Öffentlichkeit zurück.

Trotzdem erscheint es fraglich, ob Gewinne in diesem Ausmass volkswirtschaftlich angemessen sind und marktgerecht verdient werden. Finanzdienstleistungen sind für eine moderne Wirtschaft wichtig - Teigwaren, Gemüse und Computer aber auch. Warum also können die Finanzinstitute trotz Konkurrenz derart hohe Profite abschöpfen?

Die Dienstleistungen und Produkte der Finanzbranche sind weniger standardisiert als das Sortiment im Supermarkt. Und viele helvetische KonsumentInnen verhalten sich nur bei Hörnli und Rindsbraten preisbewusst bis geizig. Gegenüber Versicherungen und Banken zeigen sie sich grosszügig. Ohne mit einer Wimper zu zucken, werden überteuerte Prämien, Gebühren und Produkte bezahlt.

Auch das Informationsangebot in den Medien lässt zu wünschen übrig. In der NZZ können wir täglich den Weltmarktpreis von Erdnussöl nachschlagen. Die Frage, wer ein paar wichtige Finanzdienstleistungen mit dem besten Preis-Leistungs Verhältnis anbietet, bleibt auch nach dem Durchlättern ganzer Zeitungsstapel offen.

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