Ausgehend von der These der Aktualität antiliberaler Ideen haben wir uns in verschiedenen Beiträgen mit der Charakterisierung von Antiliberalismus und dessen Entwicklung im 19. Jahrhundert beschäftigt (Liste am Schluss des Beitrags).
Die zentrale Herausforderung des Antiliberalismus besteht darin, staatliche Autorität alternativ zur Aufklärung zu begründen. Die Aufklärung setzt auf das Vernunftpotential der Menschheit. Staatsmacht und ihre Entscheidungen sind durchaus vorläufig, sie sollen aus demokratische legitimierten Prozeduren hervorgehen und jederzeit kritisierbar sein. Der Antiliberalismus postuliert Staatsmacht als ewiges faktisches Prinzip, das von Kritik abgeschirmt und mit einem Schleier des Geheimnisses umgeben bleiben muss. In der Frage der letzten Begründung spaltet sich der Antiliberalismus im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Die ältere Strömung der politischen Theologie besteht auf Gott als Quelle der Legitimität. Ein neuere Strömung verabsolutiert die zum Organismus umdefinierte Nation oder Rasse zur letzen mythischen Quelle staatlicher Legitimation.
Der Antiliberalismus weist gemeinsame Grundzüge auf, ist aber keineswegs als homogene Ideologie zu verstehen. Vielmehr sammelt sich im 19. Jahrhundert ein Gemenge von antiliberalen Elementen an, die später von politischen Bewegungen nach Bedarf und Zeitgeist zu wirksamen Diskursen montiert werden. Dazu gehören:
Die Betonung der
Triebhaftigkeit des Menschen - der ist von unergründlichen Kräften beherrscht und weist in seiner Tierähnlichkeit kein Potential zu Freiheit und vernünftigem Handeln auf. Die Rede von
Opfer und Blut verweist auf die willige Leidens- und Unterwerfungsfähigkeit des Menschen sowie das Recht des Stärkeren auf Leib und Leben der andern. Die These von der
Wiederkehr des immer Gleichen richtet sich gegen die Vorstellung einer zielgerichteten Geschichte und radikaler gegen die Vorstellung, das Fortschritt überhaupt möglich sei. Die elitäre Vorstellung
der vielen und der wenigen - im Namen Gottes oder eine Sache führen die einen autoritär die andern.
Mit diesen Elementen richtet sich der Antiliberalismus erfolgreich und mit Berechtigung gegen Lesearten der Aufklärung, die den Menschen zum reinen Vernunftwesen oder die Geschichte zur zielgerichteten Selbstentfaltung der Vernunft stilisieren. Problematisch ist nun aber, dass der Antiliberalismus Triebhaftigkeit und Gewaltpotential des Menschen verabsolutiert. Diese Naturalisierung der Menschenbildes erodiert das Fundament für die Zuschreibung von Menschenrechten. Sie macht den Weg frei für die vorerst symbolische Destruktion und schliesslich auch die physische Liquidation missbeliebiger Menschgruppen.
Da setzen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zwei Strömungen an, die sich in der Folge zu mächtigen Stützen des Antiliberalismus entwickeln. Der
Sozialdarwinismus überträgt Muster der Darwinschen Theorie auf die Gesellschaft und interpretiert diese jenseits von Geschichte und Moral im Lichte von Konkurrenz und Kampf ums Überleben. Der
Antisemitismus verbreitet sich nicht nur in der breiten Bevölkerung, sondern auch im Establishment, wie die Affäre Dreyfuss in Frankreich zeigt.
Eine philosophische Weihe erhält der Antiliberalismus mit der Philosophie Nietzsches, die in den 90er Jahren wirksam zu werden beginnt. Nietzsche war keineswegs ein Hardcore-Antiliberaler, dem es um eine autoritäre politische Philosophie gegangen wäre. Er setzt sich deutlich gegen Antisemitismus und Chauvinismus ab. Mit seiner elitären Lebensphilosophie inszeniert er einen imaginären Aufstand gegen Institutionen, Konventionen und Moral. In einer Welt ohne Gott möchte er die stärksten Individuen über die Banalität des tierähnlichen Menschseins hinaustreiben - zum Übermenschen. Vorerst dominiert in diesem schillernden Konzept eine idealistisch-geistige Dynamik. Später wird Nietzsche den sozialdarwinistischen Zeitgeist aufnehmen und dem Übermenschen mehr biologistisch auch als Züchtungsresultat fassen, wozu auch die „Vernichtung von Millionen Missrathener“ nötig ist, wie er 1884 notiert. Derartige Formulierungen sind in den damals publizierten Werken nicht zu finden. Mit einer Verherrlichung des Kriegs, des Rechts des Stärkeren im „Willen zur Macht“, mit seiner Denunzierung von Moral als hohler sentimentaler Vorstellung macht Nietzsche aber deutlich, dass es bei seinem Übermenschen keinesfalls um sittliche Veredelung der Menschheit oder ein Empowerment der Schwachen geht.
Um 1900 wird die Lebensphilosophie von KünstlerInnen, Intellektuellen und kritischen Jugendlichen eher als Lifestile Sentiment aufgesogen, denn als gesellschaftspolitische Programmatik wahrgenommen. Der Hang zur Biologisierung des Menschenbildes und zur Verklärung des Organischen, die Ablehnung von Vernunft und demokratischen Institutionen zeigen einen deutliche politische Tendenz.
Mit Nietzsches Werken ist nun das antiliberale Diskurs-Sortiment auch für die anspruchsvollere Kundschaft gut dotiert. Das Material liegt für die Verwendung im 20. Jahrhundert bereit.
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